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Stracke an der
Strecke: Rennfieber im
WüstensturmBritta
Weddige vertrat Inga Stracke in
Bahrain und erlebte
ungewöhnliches Wetter und
orientalische Eigenheiten
Hallo und "Salem Aleikum"
liebe Formel 1 Freunde - statt
Inga Stracke melde ich mich
diesmal aus der bahreinischen
Wüste,
Bahrain, Mini-Königreich im
Persischen Golf, Salem Aleikum
und Tausend und eine Nacht -
dass man unterwegs ist in eine
andere Welt, merkt man schon im
Flugzeug. Im
Audio-Unterhaltungsprogramm der
Airline läuft auf Kanal 1 eine
Lesung aus dem Koran, auf dem
Display der Flugdaten wird auch
immer mit angegeben, in welcher
Richtung und wie weit entfernt
das Heiligtum Mekka liegt.
Religion hat im Mittleren Osten
eben einen wesentlich höheren
Stellenwert als bei uns.
Aber Bahrain ist trotz aller
religiösen Werte sehr westlich,
und manchmal kann man einen
skurrilen Mischmasch der
Kulturen erleben: Zum Beispiel
die junge Dame am Flughafen von
Abu Dhabi, die die Tradition,
dass Frauen ihren Körper
weitgehend verhüllen sollten,
gekonnt mit einem sexy Outfit
kombiniert hat. Sie trug einen
hautengen Catsuit mit langen
Armen und Beinen, darüber aber
nur einen äußerst knappen
Minirock. Ob das so im Sinne des
Erfinders - oder des Propheten -
war?
Der Flug von Abu Dhabi
gestaltete sich übrigens
ziemlich chaotisch: Während ich
im Flieger von München eine
komplette Reihe für mich hatte
(so leer habe ich ein Flugzeug
zuletzt kurz nach dem 11.
September 2001 erlebt), ging es
beim Weiterflug drunter und
drüber. In der Holzklasse ..
äh.. der Economy Class, drängten
sich Passagiere aus aller Herren
Länder, es wurde um Stauraum
gekämpft und es dauerte eine
Weile, bis endlich jeder auf
seinem Platz saß.
Mittendrin im Chaos: Giancarlo
Fisichella samt Frau und seinen
zwei Kindern. Der Renault-Pilot
quetschte sich mit seiner
Familie in die Holzklasse, bei
der Ankunft in Bahrain war er
aber wieder ganz Formel-1-Star.
Die Familie wurde am Flieger
abgeholt und von einer Eskorte
an Passkontrolle und Zoll vorbei
gelotst. Aber auch wir
"Normalen" verloren nicht viel
Zeit bei der Einreise: Extra
Schalter für das
Formel-1-Personal wurden
eingerichtet, mein Koffer stand
auch schon da, so schnell geht
es selten.
Und schon am Flughafen zeigte
sich: Ganz Bahrain ist im
Formel-1-Fieber. Schon hinter
dem Gepäckband konnte man
Fan-Shirts aller Teams kaufen,
die Straßen vom Airport in die
Stadt waren mit großen
"Welcome-F1-Plakaten" geschmückt
und auf einem Hochhaus stand
sogar über alle Stockwerke in
meterhohen Buchstaben
geschrieben: "F1-GP 13.-15.
April".
Nun waren wir also in der
Wüste angekommen. Ein weiterer
Schwitz-Grand Prix sollte
anstehen, Wüstensand und
Fatamorgans bei flimmernder
Hitze. Doch: zunächst nichts
davon, sondern das Gegenteil:
verkehrte Welt: "Natürlich" hat
es GEREGNET, dazu wehte ziemlich
kräftiger Wind. Man kam sich ein
bisschen vor wie an der Nordsee,
nur dass die Temperaturen auch
nachts um elf natürlich noch
wesentlich angenehmer waren. Der
Regen spülte den ganzen Sand,
der über dem Wüstenstaat in der
Luft ist, nach unten, und so
legte sich eine dicke
Dreckschicht über Autos und
Straßen.
Am Donnerstagmorgen ging es
dann an die Rennstrecke.
Zunächst aber, hieß es noch den
Leihwagen auftanken, denn den
haben wir mit leerem Tank
bekommen - äußerst ungewöhnlich!
Aber bei den Spritpreisen war
das nicht wirklich schlimm. Darf
ich Euch neidisch machen?
Umgerechnet 20 Eurocent für den
Liter Super, da denkt man mit
Grauen daran, das nächste Mal
wieder zu Hause tanken zu
müssen.
Gigantische Streckenanlagen
sind ja toll, aber zum Arbeiten
sind kleine überschaubare
Fahrerlager wie Imola wesentlich
angenehmer. Gerade am Donnerstag
eilt man von Team zu Team, von
einem Fahrer zum nächsten und
muss dabei unglaublich weite
Strecken laufen. Gott sei Dank
hatte ich bequeme Schuhe an! Was
allerdings weniger geschickt
war, war meine Wahl, einen
bodenlangen Wickelrock
anzuziehen. So etwas ist bei
starken Windböen wie in Bahrain
weniger geeignet, bereitet im
Gegenzug den Mechanikern
allerdings viel Freude, wenn sie
beobachten, wie ich hektisch
versuche, die Stoffteile dahin
zu drücken, wo sie hingehören.
Donnerstagabend hieß es Party
feiern, erst im, dann vor dem
Fahrerlager. Ab 18:00 Uhr luden
die Organisatoren zur großen
Welcome-Party, bei der sich das
Fahrerlager in eine große
Open-Air-Disco verwandelte.
Direkt auf der Freifläche der
BMW Sauber F1 Team Hospitality
spielte eine Rock/Pop-Coverband,
davor stand eine Bühne für
Breakdancer und andere
Showeinlagen. An Bars gab es
alles vom Saft über Bier bis zum
Wein, und leckere Häppchen wurde
gereicht. Hut ab übrigens vor
dem BMW Sauber F1 Team: Trotz
ohrenbetäubender Lautstärke -
die Band spielte so laut, dass
man sich anschreien musste, wenn
man sich unterhalten wollte -
hielt das Team nur zwei Meter
hinter der Band, durch eine
Glasscheibe getrennt, tapfer das
Teammeeting ab.
Um 19:30 Uhr zogen alle
weiter vor das Fahrerlager, wo
die GP2-Serie ihre große
Saisonauftakt-Party feierte. Die
fand glücklicherweise in einem
Zelt statt, denn "natürlich" -
schließlich waren wir in der
Wüste - schüttete es wieder wie
aus Eimern. DJs aus England
sorgten für den richtigen
Clubsound, dazu gab es ein
großes Büffet mit
internationalen Köstlichkeiten.
Auch die Formel-1-Piloten Lewis
Hamilton und Heikki Kovalainen
ließen es sich nicht nehmen, bei
ihren Kollegen aus der GP2
vorbeizuschauen.
Angeblich soll es in der
Nacht auf Freitag sogar einen
Tornado über der Rennstrecke
gegeben haben, ein Zelt sei
sogar bis nach Saudi-Arabien
geflogen. (Fliegende Zelte statt
fliegender Teppiche? Tausend und
eine Nacht hat es weit
gebracht...) Wie gesagt,
angeblich, bestätigt wurde mir
das nicht. Allerdings war es
sehr stürmisch, und in der Stadt
Manama selbst kam in der Nacht
ein Wolkenbruch nach dem anderen
vom Himmel.
Am Freitagabend zog ich mit
Kollegen dann los, um das
kulinarische Angebot rund um
unser Hotel zu erkunden. Wir
wohnten direkt in der Nähe einer
Straße mit Restaurants und
Shops, und so hatten wir die
Qual der Wahl. Wir entschieden
uns für den "Yum Yum Tree Food
Court". Dort kann man an
verschiedenen Tresen wählen
zwischen Japanisch, Italienisch,
Arabisch, Burgern und Salaten.
Für umgerechnet vier Euro gibt
es ein wunderbares Abendessen,
das einem nach der Bestellung am
Tresen sogar von einem Kellner
an den Tisch gebracht wird.
Und ein großer Vorteil: Man kann
draußen auf der Terrasse sitzen.
Da es endlich mal nicht regnete,
wählten wir diese Option. Und da
konnte ich ein Phänomen
beobachten, das mir schon aus
meiner bayerischen Heimatstadt
sehr vertraut ist: Das
Autocorsofahren der rollenden
Discos in lauen Sommernächten.
Offenbar war dieser Straßenzug
einer, auf dem gilt: Sehen und
gesehen werden. Während wir da
saßen und unsere gebackenen
Shrimps aßen, gab es mehrere
dicke Wagen, die immer wieder
vorbeifuhren - ganz wie zu Hause
halt, nur eben zu weitaus
billigeren Spritpreisen! Dabei
geben sich die Autofahrer nicht
zimperlich - eine junge Frau
hätte mich fast umgefahren, wenn
mein Kollege mich nicht
rechtzeitig zur Seite gezogen
hätte. Davon mal abgesehen
musste ich aber wieder
feststellen: Die Bahrainis sind
rundherum gastfreundliche
Menschen, die einen mit offenen
Armen empfangen heißen.
So gut die Restaurants sind -
für mein gemütliches
Feierabendbier mussten wir dann
doch weiterziehen. Denn: Bahrain
ist und bleibt ein muslimisches
Land und so ist Alkohol in den
meisten normalen Restaurants
tabu. Wir wurden fündig in einem
sehr guten Hotel um die Ecke, im
dortigen "Wranglers Wild West
Saloon". Das war auch ziemlich
kurios: Man geht durch die
elegante, klassische
Eingangshalle des Hotels, öffnet
die Tür zum Saloon und steht
plötzlich in einer dunklen,
verrauchten Kneipe, in der
Heavy-Metal-Musik aus den Boxen
dröhnt, Baseball auf
Großbildleinwand übertragen wird
und die Bar unzählige Bier- und
Whiskysorten aus aller Welt
bietet.
Das Bier verhalf mir
allerdings nicht gerade zu einem
seligen Schlaf. Denn hier kommen
wir zu den weniger angenehmen
Seiten Bahrains. Eines stellen
die meisten Formel-1-Leute immer
wieder fest: Bahrain boomt zwar
auf der einen Seite, so
strahlend und luxuriös wie Dubai
ist es aber nicht, eher etwas
gammeliger. In meinem
Hotelzimmer zum Beispiel ging
weder die Nachttischlampe noch
der Ventilator. Eigentlich bin
ich ja kein Freund von
Klimaanlagen, aber da es so heiß
war, dass nicht einmal ich (und
ich habe einen gesunden Schlaf)
schlafen konnte, beschloss ich
mutig, die wenig Vertrauen
erweckende Klimaanlage
anzuschalten. Die röhrte jedoch
so laut, als ob jemand neben
meinem Bett mit einem
Presslufthammer zu Gange ist.
Aber noch schlimmer erwischte es
andere Kollegen: Die teilten
sich ein nagelneues Appartement
für umgerechnet 500 Euro pro
Nacht, allerdings war es so neu,
dass noch keine Leitungen für
Telefon, Fernseher etc. verlegt
waren.
Nach dem Regen der ersten
Tage bekamen wir am
Sonntagmorgen endlich richtiges
Wüstenfeeling: Über dem ganzen
kleinen Land lag ein großer
Sandsturm, die ganze Luft
schimmerte gelb und alles, was
weiter entfernt war, ließ sich
nur noch schemenhaft erkennen.
Dazu die Atmosphäre an der
Rennstrecke: Vor der
Haupttribüne waren große
Ruheoasen mit orientalischen
Sitzkissen und Palmen
eingerichtet, dazu dröhnte aus
dem Lautsprecher arabische
Popmusik (sehr laut übrigens,
wie alles in diesem Land), im
Fahrerlager gab es gemütliche
Sitzbänke unter großen
Sonnensegeln - da fühlte sich
Bahrain wie Bahrain an und man
wartete nur drauf, dass gleich
Lawrence of Arabia um die Ecke
geritten kam.
Riesig gefreut habe ich mich
über die tolle Leistung von Nick
Heidfeld und dem BMW Sauber F1
Team: Als Heidfeld Weltmeister
Fernando Alonso überholte, gab
es im Pressezentrum viel
Applaus, und direkt nach dem
Zieleinlauf feierte das Team,
als habe es das Rennen gewonnen.
Alle lagen sich in den Armen,
übermutig wurde mit Bier
herumgespritzt,
Motorsportdirektor Mario
Theissen strahlte mit seinen
Jungs um die Wette und als
Heidfeld endlich auch dazu kam,
wurde er mit großem Jubel
empfangen.
Tja, und kurz darauf hieß es
auch schon wieder: Auf
Wiedersehen Bahrain, zurück in
die westliche Welt. Das perfekte
Bild dazu lieferte mir im
Flugzeug abermals eine junge
Frau: Mit langem schwarzem
Mantel und fast vollständig
verschleiert stieg sie - ganz
arabisch - ein, nach dem Start
aber nahm sie sofort den
Schleier ab, zog den Mantel aus
und ein knappes T-Shirt an,
schminkte sich und stieg nach
der Landung ganz westlich wieder
aus.
Jetzt macht die Formel 1 vier
Wochen Pause, weiter geht es am
13. Mai mit dem Großen Preis von
Spanien in Barcelona und von
dort wird sich dann wieder wie
gewohnt "(Inga) Stracke von der
Strecke" melden.
Viele Grüße, Eure Britta
Weddige |